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Gespenster im Kopf

Summary:

Skinny spukt einiges durch den Kopf. Bob macht das ganze erst schlimmer, dann besser.

Notes:

Dieses kleine Werk hab ich euch zu verdanken, meine lieben Kollegen und deswegen ist das hier für euch. <3

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Der Tag war verregnet, der Himmel grau. Jedes Auto, das vorüberfuhr, zerriss das beruhigende Trommeln des Regens mit dem langgezogenen Zischen von schnellem Gummi auf nassem Asphalt.

Und in seinem Kopf spukte das gleiche Grau wie seiner Welt umher. Solche Tage hasste er. Nicht zwangsläufig Regentage, die waren meistens in Ordnung. Manchmal passierte es während des schönsten kalifornischen Sommers. Manchmal wusste er gar nicht, wie der Himmel aussah. Denn dann lag er auf dem Sofa, starrte an die Decke und wartete schon nach dem Aufwachen, dass er wieder einschlief. Dann konnte er sich nicht dazu bewegen, aufzustehen und die Gardinen zur Seite zu ziehen. Er erinnerte sich vage an das, was seine Oma immer gesagt hatte, wenn es ihr schlecht ging. Das Wetter schlägt wieder um, da kommen die grauen Geister. Als Kind hatte Skinny sich oft ausgemalt, dass es bei Regen ähnlich zugehen musste, wie zur Geisterstunde. Doch mit den Jahren hatte er verstanden, was sie gemeint hatte. Dann hatte er auch verstanden, dass seine Oma, die ihm immer ein paar Dollar zugesteckt und dann zugezwinkert hatte, oder ihm seine Lieblingssüßigkeiten an ganz normalen Tagen geschenkt hatte, die ihn bei seinem richtigen Vornamen genannt hatte und die besten Umarmungen gegeben hatte, wahrscheinlich keinen 'Unfall' mit der Dosierung ihrer Schmerztabletten gehabt hatte. Aber wen sollte er fragen? Niemand würde ihm die Frage wohl wahrheitsgemäß beantworten.

Mittlerweile war Skinny sich sicher, dass seine Geister nichts mit dem Wetter zu tun hatten. Sie kamen und spukten und gingen selten wieder weg. Sie wurden manchmal durchsichtiger, zogen sich zurück, aber seit ein paar Jahren waren sie immer da.

Und so lag er auch heute wieder auf seiner Couch und starrte an den sich langsam drehenden Deckenventilator. Fast schon hypnotisierend war das Ding und deswegen schaltete Skinny es auch so gut wie nie aus.

*****

Er wusste nicht, wann er eingedöst war, aber als Skinny hochschreckte, war es draußen bereits dunkel. Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und rieb an dem getrockneten Salz auf seinen Wangen. Dann stand er auf und ging langsam in Richtung Bad. Die einzigen Geräusche in seiner spartanisch eingerichteten Wohnung waren das Surren des Ventilators und das Brummen seines Kühlschranks. Manchmal hielt er es nicht mehr aus. Dann setze er sich seine Kopfhörer auf und beruhigte seine Nerven mit anspruchslosem Hardstyle oder Trash Metal. Kein Platz für Gedanken. Aber heute war kein solcher Abend. Heute wäre Skinny am liebsten gefangen in der absoluten Stille des Weltraums. Stille, die laut war.

Im Bad angekommen warf er einen flüchtigen Blick in den Spiegel. Er hasste mal wieder, was er sah, aber daran hatte er sich gewöhnt. Das kalte Wasser beruhigte seine brennenden Augen und er hoffte, dass die roten Streifen davon auch zurück gingen, als ihm eine Idee kam. Wenn er sich auch nicht ins All schießen konnte, hatte er doch die nächstbeste Alternative praktisch vor der Haustür.

Skinny schlurfte im Energiesparmodus in sein Schlafzimmer, zog sich einen grauen Hoodie über den Kopf und zog sich seine älteste Jeans an. Sein Magen knurrte. Er hatte seit gestern nichts mehr gegessen, doch er machte keinen Abstecher zu seiner Küchenzeile. Morgen war vermutlich auch noch ein Tag. Vielleicht.

Das vertraute Gefühl seines Sportwagens hauchte ein paar Lebensgeister in ihn zurück und Skinny überkam ein müdes Lächeln, als er genauer über das Wort nachdachte. Lebensgeister. Gespenster über Gespenster in meinem Kopf.

*****

Wie auf Autopilot fuhr er durch die Straßen Little Ramparts und gelangte nach kurzer Zeit an sein Ziel. Die Steilküste.

Der Wind peitschte ihm ins Gesicht, die Lederjacke über seinem Hoodie hielt gegen die nasse Kälte nicht stand und doch fühlte Skinny sich besser. Lebendig. Als könne er wieder atmen. Langsam schlenderte er an der Küste entlang bis hin zu seinem Lieblingsort. Eine alte Mauer, ganz am Rand der Klippe war schon seit Jahren sein Platz. Ein paarmal hatte er dumme Kinder wegjagen müssen und einmal hatte sich dort ein Drogenumschlagsplatz etablieren wollen, doch Skinny hatte das Zeug entdeckt und vertickt. Zumindest den Teil, den er nicht hatte rauchen können. Tabletten nahm er nicht, dafür hatte seine Oma wohl gesorgt. Sobald Skinny das kurze Mauerstück erblickte, überkam ihn eine Welle der inneren Ruhe. Geborgenheit irgendwie. Achtlos schwang er seine Beine über den Rand und setzte sich auf die nassen Steine. Zu viel Schwung und er wäre in den Ozean gestürzt, aber er wusste nicht, ob er es nicht manchmal darauf anlegte. Die Gischt schlug gegen den Felsen und besprenkelte sein Gesicht mit Salzwasser, jetzt hatte er zumindest eine Ausrede, für die blutunterlaufenen Augen. Nicht, dass es jemanden interessierte.

Skinny zog die Schachtel Zigaretten aus seiner Jackentasche und wartete den Rückzug der Welle ab, bevor die Gischt ihm das Feuerzeug löschte, um sich eine Kippe anzustecken. Es war zu kalt zum Schwimmen, also konnte er die fehlende Stille des Weltalls nicht durch die des Ozeans ersetzen, aber das Tosen des Meeres von hier oben tat trotzdem gut. Nur durch das sporadische Licht einzelner Laternen auf dem Weg hinter sich und das Glimmern seiner Zigarette erhellt, dachte Skinny nach. Das tat er oft, egal was andere über ihn sagten. Er war nicht der cleverste und manchmal geriet er durch unüberlegte Handlungen in die Scheiße. Meistens war das sogar der Fall. Aber das alles hieß nicht, dass er nicht dachte. Die Gedanken in seinem Kopf suchten ihn ständig heim. Sagten ihm, was er falsch gemacht hatte. Zeigten ihm seine Fehler. Hassten ihn. Wenn sie zu laut wurden, reagierte sein Körper reflexartig. Dann mussten sie raus, sich ein anderes Ziel suchen. Meistens trafen sie ein paar Fensterscheiben, parkende Autos oder volle Mülltonnen. Manchmal wollte es der Zufall auch, dass sie einen nervenden Menschen trafen. Dann prügelte Skinny sich und kam mit diesen Schmerzen besser klar. Aber manchmal war da nichts. Manchmal war da niemand. Dann trafen sie nur ihn.

Skinny hatte nur am Rande mitbekommen, dass er aufgestanden war. Er zog an der Zigarette, die in seinem Mundwinkel hing und balancierte, die Hände in den Jackentaschen vergraben, auf der rutschigen Mauer. Er würde nicht springen. Er brauchte nur den Kick. Oder den Schubs.

Doch bevor seine Gedanken, oder er, abrutschen konnten, hörte er hinter sich jemanden rufen. Er war so in sehr in seinem Kopf gefangen gewesen, dass er nicht mitbekommen hatte, dass hinter ihm jemand aufgetaucht war. Skinny hatte auch nicht mitbekommen, dass er nur noch mit einem Bein auf der Mauer stand. Das andere baumelte davor über dem Abgrund. All diese Erkenntnisse auf einmal ließen ihn das Gleichgewicht verlieren und er riss die Hände aus den Taschen, um die Balance zu halten. Auf einmal umklammerten ihn zwei kräftige Arme von hinten und er stürzte rückwärts auf den sandigen Weg. Mit einem dumpfen Geräusch schlug der Typ hinter ihm auf den Boden und Skinny fiel ungebremst auf ihn drauf.

"Scheiße!"

"Fuck!"

Skinny spuckte den Zigarettenstummel aus, bevor er ihn noch verschluckte und rollte sich von dem Arschloch runter.

"Spinnst du, du Pisser? Wolltest du mich umbringen?!"

"Ich dich!? Scheiße Skinny, ich dachte du würdest springen!"

Skinny richtete sich mühselig auf, stutzte aber, als ihm klar wurde, dass der andere seinen Namen kannte. Klar war er nicht unbekannt in Rocky Beach und Umgebung, aber wer von denen, die ihn kannten, hätte es interessiert, wenn er gesprungen wäre? Er schaute zu seinem vermeintlichen Retter herüber und ein eiskalter Schauer rann ihm über den Rücken.

"Scheiße, Andrews?"

*****

Immer noch ein wenig perplex hatte Skinny Bob hochgeholfen und sich dann auf die Mauer gesetzt. Zu seiner Überraschung hatte der andere keine Sekunde gezögert und sich sofort neben ihm niedergelassen. Um nicht irgendwas sagen zu müssen und auch ein bisschen, um sich von der Aufregung zu beruhigen, hatte Skinny noch eine Zigarette aus der Packung geangelt und sich angesteckt. Jetzt saßen sie schweigend da und starrten auf den Pazifik. Skinny war nicht entgangen, dass Bob versuchte seinen schnellen Atem unter Kontrolle zu bekommen und er fragte sich, ob das an dem Sturz lag, oder... Vermutlich nicht. Warum sollte Bob Angst um ihn gehabt haben.

So saßen sie schweigend auf der Mauer und hörten den reißenden Wellen beim Zerschellen an den der Klippe zu, während beide dankbar waren, dass man darüber ihr Herzschlagen nicht hören konnte.

Doch irgendwann wurde Skinny die Stille unangenehm und da er noch immer nicht wusste, was er sagen sollte, zog er die Zigaretten zum dritten Mal aus der Tasche und hielt sie Bob entgegen. Mit einer Mischung aus Unglauben und Erleichterung beobachte Skinny den anderen dabei, wie er sich mit geschickten Fingern bediente. Noch überraschender für Skinny war allerdings, dass Bob ohne zu zögern ein Feuerzeug aus der eigenen Tasche zog. Aus dem Augenwinkel beobachtete er, dass es Bob mit zitternden Fingern und dem zwischenzeitlich eingesetzten Regen schwerfiel, die Zigarette anzuzünden und so handelte der größere der beiden mal wieder, bevor er nachdachte. Er beugte sich zu Bob herüber, hielt dessen Kinn fest und dockte ihre Zigaretten aneinander. Dann zog er und das Glimmen seiner Kippe ging sofort auf Bobs über. Doch dann machte er einen fatalen Fehler. Er hob den Blick.

Für eine Sekunde Ewigkeit starrten sie sich in die Augen, bevor Skinny vorsichtig Bobs Kinn los lies und sich zurücklehnte. Jetzt zitterten auch seine Hände.

Plötzlich schoss ein Gedanke durch seinen Kopf. Und zwar dass das hier der erste laute Gedanke war, seit er nicht mehr allein war. Das war ungewöhnlich. Normalerweise fühlte er sich in Gesellschaft noch miserabler. Dann musste er immer so tun, als sei alles okay. Er wusste selbst nicht, wieso er das tat. Aber jetzt war er entspannt und doch aufgeregt. Das letzte Mal hatte er sich so gefühlt, als er mit Stan im Wohnwagen geraucht hatte. Irgendwie rauchte er ja auch jetzt wieder mit Stan. Bei dem Gedanken huschte der Geist eines Lächelns über sein Gesicht.

"Was?" Bob schaute ihn eindringlich an und Skinny war überrascht, dass dieser ihn anscheinend genau beobachtet hatte. Er zuckte nur die Schultern und grinste Bob an.

"Was lachst du denn jetzt so?" Jetzt konnte Skinny sich nicht mehr zusammenreißen. Die Anspannung, der Druck in seinem Inneren und dann diese absurde Situation. Skinny prustete los und ließ dabei fast seine Zigarette fallen.

Bob starrte ihn mit einem ungläubigen Grinsen an und dieser Gesichtsausdruck löste alle Dämme in Skinny. Er warf den Kopf in den Nacken und lachte beherzt los und eine Sekunde später fiel Bob mit ein. Und sie wussten beide nicht warum. Bob lehnte sich Halt suchend an Skinny, doch dieser hatte damit nicht gerechnet, da er sich selbst gerade nach hinten lehnt hatte. Er verlor das Gleichgewicht, rutschte nach hinten und Bob, welcher dadurch ebenfalls taumelte stieß ihn über die Kante. Skinny wollte sich noch festhalten, bekam aber nur Bob zu fassen und riss ihn mit sich. Dieses Mal fiel Skinny auf den Boden und umschloss reflexartig Bobs schmale Hüften, damit dieser nicht ein zweites Mal unter ihm landete.

"Fuck!"

"Scheiße!"

Der Sturz konnte ihrem Lachanfall jedoch keinen Abbruch geben. Langsam beruhigen sie sich wieder und Skinny wurde unsicher. Bob lag noch immer auf ihm, eine Hand auf Skinnys Arm. Erst als beide wieder ruhig atmen konnten, raffte Bob sich auf. Dann half er Skinny hoch und sie schlenderten den Weg herunter zum Parkplatz. Bei jedem zweiten Schritt stießen Skinnys Fingerknöchel gegen Bobs und er war sich sicher, dass er schon lange nicht mehr so glücklich gewesen war.

 

**********

 

Kaum war er gestern nach Hause gekommen, hatte er sich zwischen Haustür und Schlafzimmer ausgezogen und war ins Bett gefallen. Natürlich war es schon spät gewesen, doch das hieß normalerweise nicht, dass er sofort einschlafen konnte. Und dennoch hatte Skinny in der Nacht fast volle 8 Stunden Schlaf gefunden. Als er aufgewacht war, schien ihm die Sonne direkt ins Gesicht, doch das störte ihn kaum. Er blinzelte verschlafen und tastete nach seinem Handy, um auf die Uhr zu schauen, konnte es aber nicht finden. Da fiel ihm ein, dass er es wohl in seiner Jackentasche gelassen hatte, und er rollte sich aus dem Bett. Gähnend und sich Strecken tapste er über den überraschend hochwertigen Holzboden seiner Wohnung in Richtung Hauseingang, wo er seine Jacke vermutete. Skinny ging in die Hocke und kramte in den Taschen, wurde aber nicht fündig. Lediglich die Schachtel Zigaretten bekam er in die Finger. Achtlos ließ er sie fallen und ging zu seiner Hose hinüber, doch auch in den Taschen konnte er nichts entdecken.

"Verfluchte Scheiße... Wo ist das Mist Ding?"

Er versuchte es noch an seinem Hoodie, doch die Wahrscheinlichkeit, dass es in der Kängurutasche geblieben war, nachdem er sich zweimal hingelegt hatte, war wohl nicht sehr groß. Langsam wurde Skinny wütend, dieses scheiß Handy war teuer gewesen und wenn er es jetzt verloren hatte, wären seine Geschäfte für die nächste Zeit im Arsch. Wer hatte schon die Nummern seiner Kontakte woanders aufgeschrieben?

Jonas hat das bestimmt, schoss es Skinny durch den Kopf und seine Wut kochte hoch.

"Scheiße!", brüllte er und schlug mit der Faust gegen den Türrahmen neben sich. Das Holz gab nicht nach, Skinnys Fingerknöchel allerdings schon. Der scharfe Schmerz, der ihn durchfuhr, gefolgt von dem dumpfen Pockern, holte Skinny runter. Es war so vertraut, dass es beinahe guttat. Langsam richtete er sich auf und schlurfte zum Sofa, wobei er mit der anderen Hand seine geschundenen Knöchel abtastete. Es war wohl nichts wieder gebrochen. Gut. Dramatisch ließ sich der große Mann auf seine Couch fallen und starrte wieder einmal seinen Ventilator an. Wieder einmal verfluchte er sich dafür, dass er so ein verdammter Idiot war. Für solche Gedanken hatte er jetzt keine Zeit und bevor er jetzt in diese Spirale geriet, sollte er sich lieber auf die Suche nach einem Ersatz für sein Handy machen. Skinny stand wieder auf und ging zurück in den Flur, als er etwas aus dem Augenwinkel aufblitzen sah. Für den Bruchteil einer Sekunde hoffte er, dass es der Bildschirm seines Handys war, doch dann sah er den Autoschlüssel, der ihm gestern Abend wohl auch aus der Tasche gefallen sein musste. Skinny hob ihn auf und schaute sich im Flur um. Hier konnte sein Handy aber nirgendwo drunter gerutscht sein. Skinny hob die Schachtel Zigaretten auf, die er vorhin ebenfalls hatte liegen lassen und beschloss, dass er sich definitiv eine Kippe verdient hatte, nach der ganzen Aufregung am frühen Morgen. Doch ein genauerer Blick auf die Schachtel ließ seine Wut erneut brodeln. Sie war eingedellt und sah aus, als wäre sie gestern bei dem Regen auch noch nass geworden. Die Kippen darin konnte er wohl vergessen. Ein Blick in die Schachtel bestätigte seine Vermutung.

"Fuck Mann!"

Erneut schlug er gegen den Türrahmen. Er wollte schließlich keine Löcher in die Wände hauen. Skinny griff den Autoschlüssel fester und ging zur Haustür. Vielleicht war ihm sein Handy ja auch in seinem Wagen aus der Tasche gerutscht und ebenfalls vielleicht würde er im Handschuhfach noch ein paar Kippen finden. Noch war nicht alles verloren.

Also stürmte Skinny nur in Boxershorts bekleidet zur Tür heraus und knallte gegen keinen geringeren als Mr. Langweiler Bob Andrews.

Skinny hielt den kleineren an den Schultern fest, während Bob seine Hände auf Skinnys nackten Oberkörper presste, um Halt zu finden. Beide hielten inne und starrten sich an. Bob sah aus, als hätte er einen Geist gesehen.

"Hi..."

Es war nicht mehr als ein raues Flüstern und eine Gänsehaut jagte über Skinnys Körper.

"Hey."

Jetzt sagte niemand mehr etwas. Gleichzeitig schienen sie zu bemerken, dass sie sich noch immer berührten, und Bob taumelte einen Schritt zurück.

Skinny fand als erster die Sprache wieder.

"Was machst du hier?"

Der Junge vor ihm sah ihn nur perplex an und Skinny musste sich ein Grinsen verkneifen.

"Wie?"

"Du stehst vor meiner Tür, Andrews. Also willst du wahrscheinlich was von mir. Habe ich recht?"

Bob nickte und schien sich wieder zu fangen. Dann schüttelte er den Kopf.

"Ich will nichts von dir, also... Eigentlich schon, aber... Äh..."

"Komm auf den Punkt, oder hats dir die Sprache verschlagen?"

Jetzt schnappte Bobs Mund zu und er holte etwas aus seiner Hosentasche.

"Ich musste gestern nochmal zurück zur Klippe, mir war mein Feuerzeug runtergefallen, als wir..." er brach abrupt ab und starrte erneut zu Skinny hinauf.

"Mhmkay?" Skinny grinste jetzt doch.

"Naja, da hab ich das hier gefunden und dachte, das ist vielleicht deins. Ich wollte gestern Abend aber nicht mehr stören oder so." Bob hielt dem ungläubigen Skinny dessen Handy entgegen. Ein Mix aus Erleichterung und Argwohn breitete sich ihn ihm aus und er entriss es Bob mit mehr Kraft als nötig.

"Genau, nicht stören am Arsch! Hast du dich reingehacked und geschnüffelt?!"

Bobs Augen wurden groß.

"Ich... Was- Nein!"

Skinny schnaubte verächtlich und stieß Bob einen weiteren Schritt nach hinten. Wieso hatte er gestern die Mauern bröckeln lassen? Er hatte doch tatsächlich für eine Sekunde geglaubt, dass er... Scheiß drauf, jetzt wusste er es wirklich besser.

"Hey, was soll das!?"

"Was willst du von mir, hä? Habt ihr Satzzeichen nichts Besseres zum, als mich zu nerven? Egal wo der Fette und der Schisser und du gerade eure Nase reinstecken, ich hab nix damit zu tun!"

"Warte doch mal und hör mir zu!"

"Verpiss dich, Brillenschlange!"

"Fick dich, Skinny. Fick dich."

Skinny schlug die Tür zu und ließ sich daran hinab zu Boden sinken. Er starrte auf das Handy in seiner Hand. Es ließ sich nicht anschalten, also war vermutlich sein Akku leer. Skinny seufzte und trottete zurück in sein Schlafzimmer. Er stöpselte es an das Ladekabel und verkroch sich wieder unter seiner Bettdecke. Sie war noch warm und spendete ein wenig Trost. Wieso hatte er sich wieder verarschen lassen? Das war nicht mehr Stan. Er war nur ein weiterer Typ, der ihn nicht ausstehen konnte.

*****

Verwirrt und völlig gerädert wachte Skinny am Nachmittag wieder auf. Sein Rücken schmerzte, sein Mund war trocken und auch sonst fühlte er sich beschissen. Er pellte sich aus seiner verhedderten Decke und ging ins Bad. Vielleicht würde ja eine heiße Dusche helfen.

Das heiße Wasser verbrühte ihm die Kopfhaut und die Schultern, aber er stellte den Hahn nicht kälter. Dieses Gefühl war das einzige, auf das er sich konzentrieren konnte. Wenigstens half es auch gegen die Rückenschmerzen. Skinny stieg aus der Dusche, wickelte sich ein Handtuch um die Hüften und betrachtete sich im Spiegel. Die Nebelschwaden, die durch sein fensterloses Bad waberten, gaben seinem ohnehin schon kreidebleichen Gesicht etwas Unheimliches. Die Schultern glühten rot und passten farblich somit perfekt zu seinen geröteten Augen. Übermüdung, Stress, Hunger. Ein toller Look. Der schlaksige Mann wischte sich teilnahmslos die nassen Haare aus der Stirn und trat auf den Flur hinaus. Die Sonne stand jetzt so tief am Himmel, dass sie durch sein Wohnzimmerfenster und die offenstehende Tür zum Flur einen goldenen Teppich vor Skinny auf den Boden malte. Er stand noch im Schatten, ging einen Schritt vor und streckte dann den Fuß aus, als wollte er mit den Zehen das Licht ertasten. Sein weißer Fuß tauchte sich Zentimeter für Zentimeter in goldene Farbe und seine Gedanken waren ganz woanders. Sie waren kurz dort, wo es schön war. Roxy hatte ihm einmal gesagt, dass Skinny eine Sucht nach Ästhetik hatte. Damals hatte er sie nur verdattert angesehen, aber mittlerweile verstand er. Auch diese Aussage über sich hatte er zerdacht. Analysiert. Gegen sich interpretiert. In neuem Licht gesehen. Jetzt mochte er sie schon fast. Irgendwo hatte Roxy nämlich recht. Skinny mochte es, wenn Dinge zusammenpassten. Wenn sie ein Bild ergaben. Lederjacken zu Zigaretten zu Meer im Regen. Mit nassen Haaren durch goldenen Schimmer auf Holz spazieren. Im Sommer bei Nacht auf noch heißem Asphalt im Mondschein zu zweit sein. Letzteres hatte er noch nie erlebt. Er stellte es sich schön vor.

Skinnys Gedanken wurden jäh von einem Surren aus dem Schlafzimmer unterbrochen. Der Zauber durchbrochen kümmerte ihn das Licht nicht mehr und er ließ es achtlos hinter sich. Dylan hatte ihn scheinbar schon mehrfach angerufen und Skinny stöhnte genervt auf. Wann auch immer dieser Idiot sich bei ihm meldete, endete es damit, dass einer von ihnen in der Scheiße landete. Oder auch beide.

"Was willst du?"

"Na endlich! Ich hab mir schon Sorgen gemacht!"

Für den Bruchteil einer Sekunde war Skinny verwirrt, dann ordnete sein Gehirn die Stimme aber Roxy statt Dylan zu und er kniff die Augen zusammen.

"Sorgen um mich? Ich bin geschmeichelt."

"Halt die Klappe, du weißt nicht mal was das heißt."

Er sparte sich eine Antwort und wartete stattdessen darauf, dass Roxy fortfuhr.

"Ich hab mein Handy geschrottet und Dylan meint, du könntest mir ein neues günstig besorgen?"

"Klar, was willstn? Marke, Modell, Farbe."

"Ich will was legales, Skinny. Mach keine Scheiße okay?"

"Keine Sorge, ich kenne da einen Typen. Der repariert alte Schrotthandys, die andere wegschmeißen oder ihm schenken und macht sie wieder flott. Du zahlst nur die Ersatzteile und ein bisschen Trinkgeld. Er hat auch immer welche fertig, wenn du's sofort brauchst."

"Nice! Das ist mega, danke! Weißt du was er da hat?"

"Er hat mir ein paar Bilder geschickt, warte ich schick sie Dylan."

"Du bist n klasse Kerl, Norris! Danke!"

"Jaja, halt die Klappe", grinste Skinny und kratzte sich am Hinterkopf. "Gib mir ne Sekunde. Bleib dran!"

Er nahm das Telefon vom Ohr und öffnete Dylans Chat. Er wusste, dass er die Bilder der Handys erst vor ein paar Tagen bekommen hatte, sie sollten also nicht allzu schwer zu finden sein. Doch als Skinny auf das Galerie-Icon klickte und die Ordner sich samt Thumbnails öffneten, stockte er. Das letzte Bild in seiner Camera Roll, war eindeutig nicht - wie er erwartet hatte - von seinem Sportwagen. Auf dem Bild war sein Lieblingsplatz zu sehen. Die Mauer an der Steilküste. Doch viel interessanter war die Person, die davorstand.

"Ich ruf dich zurück...", murmelte Skinny und legte auf. Dort in seiner Galerie war ein Selfie von Bob Andrews.

Das Foto zeigte nicht viel. Es war viel zu dunkel, als dass Skinny Details erkennen konnte. Aber irgendwie war es doch... schön. Das weiche Licht der Straßenlaterne spiegelte sich in Bobs Brille, die Haare waren vom Wind und Regen völlig zerzaust, der Hintergrund zeigte schemenhaft die kleine Mauer und dahinter schwarzes Nichts. Bob deutete mit dem Daumen auf die Mauer hinter sich, in seinem Mundwinkel hing der Zigarettenstummel. Er drohte herunterzufallen, durch das breite Grinsen, das den Mundwinkel anhob. Skinny lag auf dem Boden seines Wohnzimmers, den Arm hochgestreckt und betrachtete das Selfie. Er mochte Fotografien. Nicht diese gestellten Dinger, die mit viel Equipment und Schnick Schnack überarbeitet wurden bis zur vermeintlichen Perfektion. Er mochte die überbelichteten Polaroids, die nur die geschockten Gesichter der Geblendeten und das breite Grinsen derjenigen zeigten, die durch ihr unbeschwertes Lachen eh die Augen geschlossen hatten. Er mochte Langzeitaufnahmen, die den Sternenhimmel mit weißen Linien durchzogen. Und dunkle unscharfe Bilder, die Beweis für unvergessliche Nächte waren. Skinny handelte, ohne lange drüber nachzudenken. Er sendete das Bild an seinen Drucker. Dann sperrte er das Telefon und ging in die Küche. Tief in Gedanken versunken machte er sich ein Sandwich. Die Geste allein, dass Bob ein Selfie mit Skinnys Handy gemacht hatte, sprach all das aus, was Bob ihm vermutlich hatte erklären wollen. Welcher Spinner würde denn erst seine Visage ablichten und dann das Handy hacken? Vermutlich hatte dieser kleine Idiot die Wahrheit gesagt. Und der große Idiot Skinny hatte ihm nicht glauben wollen. Wobei das mit wollen wenig zu tun hatte. Er konnte es einfach nicht glauben. Wann war er denn schonmal nicht verarscht worden? Frustriert stopfte er sich den Rest seines Sandwiches in den Mund und spülte es mit einem Schluck Bier herunter.

Bevor seine Gedanken wieder Karussell fuhren, machte er sich lieber an die Arbeit und schickte Dylan ein paar Handys für Roxy. Das Geld konnte er gut gebrauchen, obwohl er jetzt regelmäßig Unterhalt von seinem alten Herrn bekam. Es tat gut eigenes Geld zu bekommen, auch wenn nur ein paar Dollar rausholen konnte. Der Typ verkaufte die Handys eh unter Wert, da könnte er sich ruhig ein bisschen aushelfen.

Skinny war gerade dabei sich auszumalen, wofür er seinen kleinen Verdienst ausgeben könnte, da klingelte es. Er zögerte nicht lange. Um diese Uhrzeit konnte es sich eigentlich nur um Dylan und Roxy handeln. Vermutlich hatten sie die Nachricht bekommen, als sie gerade durch die leeren Straßen gewandert waren und wollte jetzt über die Bezahlung sprechen. Oder sie hatten genug von der Geisterstadt, zu der Little Rampart jeden Abend wurde und erhofften sich, dass Skinny neuen Stoff hatte. Und als er die Tür öffnete, wurde seine Vermutung bestätigt. Die beiden warteten nicht lange, sondern drängelten sich gleich in die Wohnung und ließen sich ohne ein Wort der Begrüßung im Wohnzimmer nieder. Skinny stöhnte gespielt genervt auf und schlug die Tür hinter ihnen zu.

*****

Die Zeit verging wie im Flug, wenn man drauf war. Das wusste Skinny bereits, aber er fand es immer wieder faszinierend. Irgendwie entspannend. Er zog an seinem Joint und schaute mit dem Kopf über der Sofakante hängend aus dem Fenster in den Sternenhimmel. Die Zeit zog vorüber, wie der Rauch vor seinem Gesicht vorüberzog, wie er an den Sternen vorüberzog. Oder zogen sie an ihm vorüber? Wieso überhaupt ziehen? Seine Gedanken wurden von Dylan unterbrochen, der sich vor ihn auf den Boden gekniet hatte. Der Junge vertrug seine Drogen nicht.

"Skinny?", flüsterte Dylan.

"Ja?"

"Hast du Pizza da?"

Skinny grinste schief und nickte. Dylan fing fast an zu weinen und stolperte zum Kühlschrank, um die Truhe zu plündern. Roxy verdrehte nur gutmütig die Augen. Sie hatte nur ein paar Mal gepafft und von ihnen allen den klarsten Kopf behalten. Er mochte Nächte wie diese. Roxy hatte eine Lofi Playlist angemacht, sie hatten schweigend geraucht und jeder hing seinen Gedanken nach. Die willkommene Abwechslung zu ihren sonst so lauten Eskapaden. Und seit Stunden war die Welt leise. Skinnys Gedanken waren frei und er hatte nicht einmal an Verpflichtungen oder Selbstzweifel denken müssen. Der Unterschied zum Alkohol war, dass dieser einen benebelte. Die Sinne wurden stumpf, es wurde heiß und die Lautstärke des Clubs umhüllte einen, wie ein sicherer Kokon. Man wurde eingelullt. Gras dagegen war - in der richtigen Umgebung - ruhig und klar. Wie ein sanfter Sommerwind auf der Haut. Alle verworrenen Knoten wurden zu geraden Linien, die sich kreuzten. Man konnte keiner bis zum Ende folgen, aber der Weg durch sie hindurch war einfacher. Man konnte sich gleiten lassen. Wie ein Mix aus Wasser und Wind. Man wurde zwar ein bisschen durcheinandergewirbelt, hatte aber Spaß dabei. Und meistens irgendwann einen Mordshunger. Skinny glaubte manchmal, dass er nur richtig essen konnte, wenn er drauf war. Gesund war das bestimmt nicht...

Wieder verliefen seine Gedanken in Sand, als es klingelte. Roxy sah ihn fragend an, doch Skinny zuckte nur umständlich mit den Schultern. Halb hängend und über Kopf sah die Geste bestimmt nicht ganz richtig aus, aber sie kam bei seinem Gegenüber an. Skinny hätte wohl nicht die Tür geöffnet, aber Roxy war nun mal neugierig und so ließ er sie gewähren, als sie sich erhob und im Flur verschwand.

Hätte er doch nur eingegriffen.

"Stan?!" Roxy lachte laut auf und das dumpfe Geräusch stammte wohl daher, dass sie den unerwarteten Gast gerade fester an sich drückte, als dieser erwartet hatte. Skinny zog lange an dem Joint und füllte seine Lungen mit dem Rauch. Die Gras-Version von Mut-antrinken. Er schloss die Augen und hoffte, dass er einfach wieder gehen würde, nachdem er Roxy gesehen hatte. Allerdings hatte Skinny da Roxy falsch eingeschätzt.

"Dich hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen! Komm rein, wir können gleich essen!"

Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, wie Roxy zurück in das Zimmer trat und dabei ihr Anhängsel einfach mit sich schliff. Skinny rollte den Kopf und betrachtete Bob so gut er das aus dieser Position konnte. Der schaute ihn ein wenig überfordert an und hob zögernd eine Hand, als wollte er winken. Bevor Skinny etwas sagen konnte kam Dylan aus der Küche und fiel Bob um den Hals.

"Stan!"

"Entschuldige Dylan, der ist ein bisschen drauf..."

Bob grinste Skinny über Dylans Schulter an und tätschelte dessen Rücken.

"Ach ja? Nur Dylan?"

Er grinste zurück.

"Wir sind alle in High Spirits!", nuschelte Dylan und Roxy prustets los.

*****

Skinny war nur für einen Augenblick die Frage durch den Kopf geschossen, was Bob eigentlich genau hier wollte, doch sie war sofort vergessen, nachdem sich der kleinere zu Skinny aufs Sofa gesetzt hatte. Dazu hatte Bob Skinnys lange Beine angehoben und sich im Schneidersitz auf dem nun freien Platz niedergelassen. Danach hatte er sie über die seinen gezogen und Skinnys Gehirn hatte kurz ausgesetzt. Das lag natürlich nur an der Selbstverständlichkeit, mit welcher Bob dies tat und nicht an der plötzlichen körperlichen Nähe zu ihm. Danach war alles ein bisschen vernebelt.

Sie saßen zusammen, hörten Musik, aßen Pizza und rauchten Gras. Die Stunden vergingen und irgendwann war Dylan auf dem Sofa eingeschlafen, nachdem er sich so breit gemacht hatte, dass erst Skinny und dann auch Bob auf den Boden ausgewichen waren. Die drei übrigen hatten noch ein wenig miteinander geredet, doch irgendwann war auch Roxy so müde geworden, dass sie sich zu Dylan auf das kleine Sofa gequetscht hatte. Skinny hob eine Augenbraue und bedeutete Bob ihm zu folgen. Im Flur warf er Bob seinen Hoodie zu, während er sich seine Lederjacke überzog. Draußen angekommen lotste er Bob um das Haus herum. Skinny lehnte sich an die Wand, die Finger zur Räuberleiter verschränkt und grinste sein Gegenüber herausfordernd an.

"Was hast du denn jetzt vor?"

"Guck mal hoch."

Bob tat wie ihm geheißen und schien einen Moment zu brauchen, bis er die Feuerleiter als solche erkannte. Dann schüttelte er lächelnd den Kopf und ging einen Schritt zurück. Skinny rutschte das Herz in die Hose. Er wusste, dass Bob keine Höhenangst hatte. Wollte er etwa jetzt nach Hause? Doch dann lehnte sich der blonde Junge nach vorn, nahm Anlauf und rannte auf Skinny zu. Dieser hatte nur einen Augenblick Zeit sich bereit zu machen und ging leicht in die Hocke. Dann sprang Bob und sein Fuß landete perfekt in Skinnys Händen. Der drückte die Knie durch und gab Bob so viel Momentum nach oben, wie er konnte. Und tatsächlich! Bob erwischte die untersten Sprossen der Feuerleiter mit Leichtigkeit. Den Rest tat die Schwerkraft und die Leiter ratterte durch das plötzlich angehängte Gewicht nach unten. Bob kam beinahe sanft wieder auf und Skinny starrte ihn an. Das war nicht sein erstes Rodeo gewesen, so viel war klar. Aber dass sowas dermaßen elegant aussehen konnte, hätte er nicht geglaubt. Bob lachte außer Atem auf und warf Skinny ein kurzes Zwinkern zu, bevor er sich an den Aufstieg machte. Scheiße, vielleicht war das hier keine so gute Idee gewesen.

Auf dem Dach angekommen ging Skinny zur gegenüberliegenden Seite hinüber und ließ sich in der Nähe der Kante nieder. Bob setzte sich an seine rechte Seite. Die Situation erinnerte Skinny an den Abend an der Steilmauer. Plötzlich überkam ihm die Scham. Denn er musste auch an den Morgen danach denken...

"Sorry nochmal... Wegen der Sache mit meinem Handy." Er spürte, wie Bob sich neben ihm anspannte.

"Ich glaub dir. Dass du nicht geschnüffelt hast, mein ich."

"Ich war echt sauer auf dich... Dass du mir sowas an den Kopf wirfst!" Bobs Worte waren leise, es fehlte ihnen an der üblichen Schärfe und Skinny wusste, dass sie okay sein würden.

"Nimms mit nicht übel, aber wenn einer von eurem Detektivclub mein Handy in die Finger bekommt, da kann man schonmal eins und eins zusammenzählen."

"Mhm... Okay, ich verzeih's dir."

Skinny lachte leise vor sich hin. Als Bob ebenfalls zu lächeln begann, nahm Skinny all seinen Mut zusammen und legte seinen Arm um ihn. Fast sofort entspannte sich der kleinere bei seiner Berührung und schweigend beobachteten sie, wie die kalifornische Sonne langsam über dem Horizont aufging. Nach einer Weile blickte Skinny zu Bob herunter, nur um festzustellen, dass er wohl eingeschlafen war. Er hatte keine Ahnung, dass es diesen Anblick gebraucht hatte, um seine Lebensgeister wieder ein wenig in Schwung zu bringen, doch er würde sich verdammt nochmal nicht beschweren.

Irgendwann war Bob ein wenig aufgewacht und Skinny hatte sich dazu überwunden, aufzustehen und mit dem kleineren zurück in die Wohnung zu gehen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er wohl noch die nächsten Stunden an der Kante des Dachs verbracht, aber zum einen wurde er so langsam selbst müde und zum anderen würde die kalifornische Sonne nicht dauerhaft so sanft bleiben, wie in den Morgenstunden.

Kaum waren sie unten angekommen griff Skinny reflexartig nach Bobs Hand und zog ihn mit sich in das Schlafzimmer. Später sollte er sich dafür verfluchen, wie das für den äußerst verwirrten Bob ausgesehen haben musste, aber in diesem Moment wollte er nur nicht, dass Bob im Wohnzimmer auf dem Teppich schlafen musste. Skinny kickte sich die Schuhe von den Füßen und ließ sich einfach aufs Bett fallen. Er hielt die Augen nicht ganz geschlossen und beobachtete so, wie Bob sich ebenfalls die Schuhe auszog, aber sich dann auch an seiner Jeans zu schaffen machte und Skinny war sehr froh, dass er heute Abend nicht über die Jogginghose hinausgekommen war. Doch bevor er sich nähere Gedanken zu der jetzigen Situation machen konnte, war Bob schon zu ihm ins Bett gekrabbelt und hatte seinen Kopf wieder an Skinnys Schulter gekuschelt. Danach übermannte ihn die Müdigkeit.


**********

 

Als er nach ein paar Stunden die Augen wieder öffnete, fiel strahlendes Sonnenlicht in sein Schlafzimmer. Er musste geschlafen haben, wie ein Toter, um das nicht schon früher mitbekommen zu haben. Er schätzte, dass es schon spät am Nachmittag sein musste und streckte sich genüsslich. Doch als er mit dem Knie gegen etwas anderes, als seine Decke stieß, stutzte er. Langsam drehte Skinny den Kopf - und schaute auf die blonden Haare von Bob Andrews. Dieser schien durch die Berührung so langsam auch wach zu werden und Skinny schoss das Adrenalin durch den Körper. Doch bevor seine Gedanken durch die Gegend bouncen konnten, drehte Bob den Kopf, lächelte ihn an und sagte: "Morgen, Skinny".

Und Skinny schmolz dahin.

Leider war dieser perfekte Augenblick nur von kurzer Dauer. Bob und Skinny hatten sich einfach angesehen, gelächelt, während sie dort so nebeneinander lagen. Und dann war in der Küche etwas zu Bruch gegangen. Der Moment war vorbei. Das Fluchen Dylans half dabei noch weniger und Skinny stand grummelnd auf. Während er sich nach seinem zweiten Socken umsah, glaubte er für einen Moment, dass Bob sich genaustens seine vorgebeugte Form angesehen hatte, doch das war vermutlich Wunschdenken. So ging Skinny ohne ein weiteres Wort aus dem Schlafzimmer und stellte sich darauf ein, Dylan eine reinzuhauen.

Der Anblick, der sich Skinny allerdings in seiner Küche bot, ließ ihn diesen Gedanken sofort verwerfen. Dylan stand barfuß inmitten von den Porzellanscherben einer Tasse und starrte auf den Blutfleck, der sich dort zu bilden begann.

"Shit!"

"Sorry, war keine Absicht, ich...", doch weiter kam Dylan nicht, denn plötzlich wich ihm die Farbe aus dem Gesicht und seine Knie wurden weich. Skinny zögerte keine Sekunde, durchquerte den Raum und fing seinen Freund gerade rechtzeitig auf, bevor dieser komplett das Bewusstsein verlor.

Als Bob in das Wohnzimmer trat, wurde er von einem merkwürdigen Bild begrüßt. Roxy kniete auf dem Boden und untersuchte Dylans Fuß. Dieser lag wie ein Schluck Wasser in der Kurve in Skinnys Armen und letzterer fluchte wie ein alter Seemann.

"Was ist denn hier los?"

Skinny drehte den Kopf und schaute Bob mit aufgerissenen Augen an.

"Dieser Idiot hier hat beschlossen in ein paar Scherben zu latschen, obwohl er kein Blut sehen kann. Jetzt macht er hier einen auf gekreuzigt."

"Und ich bin nicht gerade gut im Verarzten, wenn ich ehrlich bin...", Roxy stand auf und wusch sich die blutigen Hände ab.

Bob schüttelte den Kopf und trat näher an das Geschehen.

"Skinny, wo ist dein Verbandszeug?", bei dem Satz hatte er eine Hand auf die Schulter des größeren gelegt. Da Skinny gerade einen erwachsenen Mann trug, konnte Bob deutlich die Muskeln ertasten und beeilte sich, seine Hand zurückzuziehen, bevor er etwas unüberlegtes tat. Dann ging er auf Skinnys Geheißen hin ins Bad, um den benötigten erste Hilfe Kasten zu holen.

Zurück im Wohnzimmer kniete sich nun Bob auf den Boden und holte vorsichtig mit einer Pinzette kleine Scherben aus Dylans Fuß. Danach reinigte er die Wunden mit Jodlösung und verband alles fachmännisch. Skinny legte Dylan endlich auf dem Sofa ab und bemerkte, wie Bob ihn eingehend musterte, als er die Arme und Schultern nach der langen Belastung dehnte. Er sagte nichts, die Beobachtung drängte sich an den Rand seiner Wahrnehmung, ein leises Rauschen, ein Vorbote setzte ein.

Roxy hatte zwischenzeitlich den Küchenboden sauber gemacht und trat nun an Dylan heran. Nach einigen sanften Schlägen ins Gesicht wachte dieser wieder auf und noch bevor er überhaupt etwas sagen konnte, wurde er bereits von Roxy aus Skinnys Wohnung zum Auto gezerrt. Dabei entschuldigte sie sich mehrfach für ihn und ehe sie sich versahen, waren Bob und Skinny allein.

Skinny stand nun etwas verloren in der Mitte des Wohnzimmers. Dabei nahm er nur am Rande wahr, dass Bob anscheinend das Verbandszeug wieder verpackte und schreckte erst auf, als dieser an ihm vorbei in Richtung des Badezimmers ging.

Eins musste er diesem wilden Spektakel lassen: er hatte schon seit fast einem Tag nicht mehr an seine Gespenster gedacht. Doch jetzt schlichen sie sich langsam wieder zurück in sein Bewusstsein. Der Anblick von Blut und Scherben, Dylans Gesichtsausdruck, als Roxy ihn aus der Wohnung gezogen hatte, der Verbandskasten. Alles triggerte Erinnerungen. Skinny ballte die Hände zu Fäusten, sodass seine Knöchel weiß hervortraten. Mehr Bewegung traute er sich selbst nicht zu, aus Angst, wie sein Körper reagierte.



Einatmen



Ausatmen



Er schloss die Augen.



Einatmen



Ausatmen



Ein Geräusch durchbrach das Rauschen.



"Skinny?"



Weiter atmen



"Alles okay?" Die Art, wie sich Bobs Stimme intuitiv verändert hatte, drang zu Skinny durch und löste irgendetwas aus. Löste seine Starre. Löste seine Wut. Ruckartig öffnete er die Augen, fokussierte einen willkürlichen Punkt hinter Bob und ließ seine Knöchel knacken. Mit festen Schritten ging er in den Flur, trat in seine ausgetretenen Schuhe, dachte im letzten Moment an seine Schlüssel und ließ den anderen ratlos und allein in seiner Wohnung zurück.



Es war kalt. Skinny war kalt und das erlaubte ihm einen klaren Gedanken:



Es ist okay



Ruhig durchatmen, dann würde es ihm besser gehen. Das Blut rauschte in seinen Ohren und trotzdem war ihm kalt. Warum war ihm so verdammt kalt?



"Skinny?"



Ach, scheiße



"Skinny, zieh wenigstens die Jacke an"



Skinny blickte an sich herunter. Er trug noch immer seine Jogginghose und das alte Shirt. Die Nachmittagssonne knallte unbarmherzig auf ihn ein und normalerweise hätte er schwitzen müssen, also warum sollte er eine Jacke anziehen? Mechanisch streckte er dennoch den Arm aus, als Bob ihm einen Parka reichte, nur um dann erstaunt auf seinen zitternden Arm zu starren.

"Das Zittern ist normal. Du hast eine Panikattacke. Dir ist kalt, weil dein Blut sich jetzt eher im Lungenkreislauf befindet. Hier, halt das."

Bob hielt ihm eine Dose Cola hin und Skinny sah durch sie hindurch.

"Okay, dann mach ich das."

Er trat näher und ein Blitz durchzuckte Skinnys Körper, als die eiskalte Dose gegen seinen Nacken presste. Er wollte protestieren, holte Luft und stockte. Er konnte richtig Luft holen. Tief einatmen. Tief ausatmen. Seine Augen verfingen sich in Bobs Blick. Der kleinere sah ihn durchdringend an und das Rauschen ebbte ab. Er atmete ruhiger, er hörte auf zu zittern. Bob zog seinen Arm mit der Cola zurück und öffnete die Dose mit einem Zischen. Er drückte sie Skinny förmlich gegen den Mund. Er trank und erfasste den vagen Gedanken von 'Koffein und Zucker tun jetzt gut'.

„Danke“, hörte er sich selbst sagen und dann gaben seine Beine nach. Skinny fand sich sitzend auf der unbequemen Straße wieder. Bob kniete vor ihm und schaute ihm in die Augen. Der Blick war nicht mit dem zu vergleichen, mit dem er Skinny vor nicht mal einer halben Stunde im Schlafzimmer fixiert hatte. Dieser hier war prüfend, analytisch und berührte den großen Mann auf eine ganz andere Art. Bob machte sich Sorgen. Er nahm noch einen Schluck Cola. Er atmete nochmal tief durch.

„Geht wieder…“

„Bist du dir sicher?“

Skinny nickte. Langsam drückte er sich vom Boden hoch und ließ zu, dass Bob ihm dabei half.

„Du solltest nach Hause gehen.“

„Was? Skinny, du solltest nach Hause!“

Doch dieser schüttelte den Kopf. Würde er jetzt zulassen, dass Bob ihn in seine Wohnung begleitete, würde dieser Abgründe erblicken, die Skinny nicht zu teilen bereit war.

„Bob…“

„Ich lass‘ dich doch jetzt nicht so zurück!“

„Bob!“

„Skinny!“

Sie starrten sich einen Moment an, versuchten den Kampf so zu gewinnen. Skinny wusste, dass er jetzt nach äußersten Mitteln greifen musste. Bob war störrisch.

„Egal was du jetzt sagst, ich werde dich nicht einfach alleine lassen, Skinny Norris.“

„Bob…“

„Nein. Wir gehen jetzt zurück-“

„Bob.“

„- und dann legst du dich hin und isst erstmal was. Ich-“

„Bitte.“

Bob verstummte. Er schnappte den Mund zu und Skinny spürte es in seinen Augen prickeln.

„Bitte.“ Wiederholte er.

Es dauerte einen Moment, er konnte sehen, wie der blonde nachdachte, dann nickte er einmal bestimmt.

„Ich werde nach Hause gehen… unter der Bedingung, dass du mich bringst.“

Damit hatte Skinny nicht gerechnet.

„Zu Fuß brauchen wir vielleicht eine halbe Stunde. In der Zeit kannst du runterkommen und ich kann mir sicher sein, dass du nichts Dummes tust. Danach brauchst du nochmal eine halbe Stunde zurück, da kannst du dann allein deinen Gedanken nachhängen. Sobald du dann zuhause bist, geht’s dir wieder besser. Bitte Skinny, ich kann dich nicht einfach so zurück lassen…“

Bevor er wirklich wusste, was er tat, ging Skinny los und hoffte, dass er den richtigen Weg zu Bobs Haus eingeschlagen hatte.

*****

Sie waren einige Minuten schweigend nebeneinander hergegangen, Skinny mit den Händen in den Hosentaschen seiner Jogginghose. Das hier war eine völlig andere Situation, als an der Steilküste. Kein langsames Schlendern, regennasse Hände, die einander ab und zu berührten, keine angenehme Stille. Seine Gedanken rasten und er bekam nur die schlimmsten und schärfsten Bruchstücke zu fassen. Seine Hände waren schweißnass und klamm und zitterten. Die Stille erstickte ihn. Er hätte darauf bestehen sollen, nach Hause zu gehen. Das schlimmste war, dass Bob keinen Ton von sich gab. Jetzt tauchte auch noch Skinnys Drang auf, dieses Schweigen zu brechen. Nur womit? Er hätte heulen können. Vielleicht würde das die Stille füllen. Doch bevor er auch nur ansatzweise zu einem Entschluss gekommen war, hatte Bob ihn leicht an der Schulter berührt und auf den schmalen Trampelpfad gedeutet, den sie gerade kreuzten. Er führte in den Stadtpark und Skinny schlug den Weg ein, ohne sein Gedankenkarussell zu unterbrechen. Nur am Rande nahm er die Information wahr, dass Bob ihm wohl eine Abkürzung zu sich nach Hause zeigte. Je schneller er dort ankam, desto besser. Doch Skinny hatte sich geirrt. Bob lotste ihn nicht zu sich nach Hause, sondern zog ihn am Ärmel zu dem kleinen Teich, über den sich eine marode Brücke zog. Der Teich war zu dieser Zeit immer voller Wasserlinse und schreckte dementsprechend die meisten Parkbesucher eher ab, als sie anzuziehen. Außerdem stand seit Jahren ein Schild an der Brücke, dass auf ihr Betreten auf eigene Gefahr hinwies. Alles sehr unattraktiv für junge Pärchen und perfekte Vorstadtfamilien. Bob duckte sich, ohne zu zögern unter der Kette des Schildes hindurch und Skinny folge ihm. Wie ein Zombie. Keine Gedanken. Einfach machen.

Bob schwang die Beine über den Brückenrand und saß nun mit dem Rücken zu Skinny auf den bröckelnden Steinen. Nun stand der ältere doch etwas verloren da und wartete auf die Dinge, die da kommen mochten. Bob sah über die Schulter und klopfte auf den freien Platz neben sich. Skinny machte erneut einfach. Setzte sich neben ihn und versuchte aufzuhören zu denken.

„Das hier wollte ich dir zeigen.“

„Du hast mich verarscht.“ Skinnys Stimme klang rau, als hätte er sie seit Tagen nicht benutzt.

„Das habe ich wohl.“ Bob grinste schuldbewusst und Skinny wusste nicht, warum es nicht schlimm war. Vielleicht lag es an dem Ort. Eine Libelle surrte an ihm vorbei und irgendwo zirpten Grillen. Irgendwie friedlich.

„Als wir uns vor zwei Tagen an der Steilküste getroffen haben… als wir da auf der Mauer saßen, da musste ich an diesen Ort denken.“ Bob machte eine ausladende Bewegung und Skinny verstand, was er meinte. Wasser, Ruhe und eine kaputte Sitzmöglichkeit. Rocky Beach hatte wirklich viel zu bieten… „Naja, ist irgendwie das Gleiche obwohl es völlig anders ist, verstehst du?“

 Und Skinny verstand.

„Bist du sauer, dass ich dich hergebracht habe, statt nach Hause zu gehen?“

War er sauer? Nein, eigentlich nicht. Er war nur müde. Skinny legte zur Antwort seinen Kopf auf Bobs Schulter und obwohl dass dazu führte, dass er sich ziemlich krumm machen musste, war es doch bequem. Er wusste, dass Bob verstehen würde. Als er spürte, wie sich eine Hand um seine Hüfte schlang, konnte Skinny endlich seine Gedanken loslassen.

*****

Er schlief nicht ein. An Bob gelehnt spürte er das Heben und Senken von dessen Schultern beim Atmen und Skinny versuchte seinen eigenen Atem anzupassen. Irgendwann hatte Bob angefangen zu erzählen und Skinny hatte zugehört. Es war belangloses Zeug über die neuen Platten, die er durch seinen Aushilfsjob hatte als erster ergattern können, oder über irgendeine Buchreihe, die nicht so geendet hatte, wie er es gewollt hatte. Er sprach nicht über die anderen beiden Detektive, wofür Skinny ihm irgendwie dankbar war. Dann hätte er sich aus Gewohnheit nur aufregen müssen und er war gerade wieder runtergekommen. Skinny wusste nicht, wie lange sie dasaßen, wie lange er Bob zuhörte und wie lange diese vermeintliche halbe Stunde schon um war, aber es war ihm egal. Ganz im Gegenteil. Er war froh, dass Bob ihn zu seinem Glück gezwungen hatte. Aber irgendwann verfluchte er die Stadt dafür, dass sie die Brücke nicht restauriert hatten. Denn die spitzen Steine des zerbröckelnden Steingeländers bohrten sich unangenehm in seinen Hintern. Mit einem Grummeln setzte er sich schwerfällig auf und drehte sich dann schwerfällig um. Beinahe wäre er ziemlich unelegant auf dem Gesicht auf dem ebenfalls kaputten Asphalt gelandet, da er erst nach dem Heruntergleiten auf den Boden feststellte, dass seine Beine eingeschlafen waren. Bob unterdrückte ein Lachen, als er sich selbst ebenfalls umdrehte. Er blieb allerdings auf dem Rand der Brücke sitzen. Skinny hielt sich mit einer Hand am Geländer fest und hielt sich mit der anderen dramatisch den Rücken. Mittlerweile war die hinter dem Horizont verschwunden. In Gedanken versuchte er gerade auszurechnen, wie viele der letzten 48 Stunden er eigentlich verschlafen hatte, da wurde er an seiner Jacke zu Bob herangezogen. Skinny fand sich mit den Knien an die Mauer stoßend zwischen Bobs Beinen wieder und spürte, dass er verdammt nochmal rot wurde. Hätte die Panikattacke ihm nicht seiner letzten Energiereserven beraubt, wäre er jetzt vermutlich wütend auf sich selbst geworden, doch dazu fehlten ihm die Kraft und auch der Wille. Bob sah ihn nicht an, sondern steckte seine Hand in Skinnys Jackentasche und schien darin etwas zu suchen. Nun wurde ihm auch klar, dass das hier gar nicht seine Jacke war… Bob hatte ihm seinen Parka mitgebracht, nachdem er ihm aus der Wohnung gefolgt war. Bevor sich Skinny darüber den Kopf zerbrechen konnte, schien Bob fündig zu werden. Er zog eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug hervor. Skinny wusste nicht, was ihm zuerst auffallen sollte. Dass es die gleiche Marke war, die er rauchte? Dass es das Feuerzeug war, dass er damals Stan geschenkt hatte? Oder dass Bobs andere Hand ihn an der Hüfte festgehalten hatte, sich jetzt aber löste, damit er sich eine Kippe anzünden konnte. Statt irgendetwas zu tun, beschloss Skinny erstmal wieder zu atmen. Das hatte er kurz vernachlässigt. In der Zwischenzeit hatte Bob die Zigarette angezündet und die Schachtel wieder in Skinnys – seiner Jackentasche verstaut. Jetzt zog er genüsslich daran. Skinny starrte, das wusste er, aber besser starren, als jetzt was Dummes zu sagen, oder noch schlimmer… etwas Dummes zu tun. Bob sah zu ihm auf, als er das nächste Mal zog und das Glimmen erhellte seine Gesichtszüge. Er wirkte kantiger und älter, müder. Jetzt musste Skinny doch was Dummes tun, auch wenn es nicht das war, was er eigentlich vorgehabt hatte. Statt seine Hände um Bobs Hals zu legen, statt sich zu bücken und statt… Bevor er doch auf seinen ursprünglichen Plan zurückfallen konnte, schlang Skinny seine Arme um Bobs Mitte, legte sein Kinn auf dessen Kopf ab und schaute in das letzte schummrige Licht, dass die untergegangene Sonne übrigließ. Nach einem kleinen Augenblick spürte er, wie Bobs Arme sich um seinen Hals legten und der kleinere den Kopf drehte, um sein Gesicht in Skinnys Halsbeuge vergraben zu können.

„Danke“, hauchte er irgendwann und Bob nahm dies zum Anlass, die Umarmung zu lösen. Er lächelte. Kein charmantes oder neckisches Grinsen. Sein Gesichtsausdruck war beinahe schon schüchtern. Skinny lächelte ebenso unsicher zurück. Das hier waren ganz neue Gewässer für sie beide, aber es fühlte sich fast an, wie nach Hause zu kommen.

„Skinny?“

„Mhm?“

„Brennst du?“

Er hätte nicht geglaubt, dass Bob diesen Moment mit so einem plumpen Flirtversuch kaputt machen würde, bis ihm auffiel, dass dieser möglicherweise auch auf seine Gesichtsfarbe hatte hindeuten wollen. Doch bevor ihm ein süffisanter Spruch über die Lippen kommen wollte, war Bob von der Mauer gesprungen und hatte Skinny zu Boden geschubst.

„HUH?!“

Mehr brachte er nicht hervor, bevor er unsanft auf dem Asphalt aufschlug, nur um einen Augenblick später von Bob halb verprügelt zu werden.

„SHIT!“

Skinny blieb einfach liegen. Was zur Hölle war heute für ein Tag… Nach einigen dumpfen Schlägen auf seinen oberen Rücken packte Bob am Kragen der Jacke und zog sie dem wehrlosen Mann am Boden aus. Durch die ruckhafte Bewegung wurde Skinny leicht gedreht und kam auf der Seite liegend wieder am Boden auf. Nun konnte er sehen, wie Bob panisch die Jacke in seiner Hand anstarrte. Die Jacke, in der ein relativ großes Brandloch schwelte. Ohhh… Skinny verstand und fing so unerwartet an zu Lachen, dass nur ein kratziges Keuchen aus seiner Kehle drang, während er mit dem Oberkörper wackelte.

„Was lachst du denn so? Ich dachte du stehst gleich lichterloh in Flammen!“

Skinny lachte noch härter.

„Skinny!“ Bob gluckste und setzte sich verdattert auf den Boden nur um von Skinnys hilflos umherwedelnden Armen erfasst und umgerissen zu werden. Sie lagen nun beide auf dem Rücken und lachten. Als sie sich endlich wieder beruhigt hatten, war der Himmel beinahe schwarz und die Sterne funkelten ungehindert der grellen Stadtlichter. Der Park wurde nur von vereinzelten schummrigen Laternen und dem Mondlicht erhellt.

„Du hast mich angezündet…“, sagte Skinny nach einer Weile grinsend und Bob vergrub stöhnend die Hände vorm Gesicht.

„Ich hab meine Jacke angezündet!“

„Oh, wow…“

„Die hab ich letzte Woche erst gekauft!“

„Dafür sah die aber schon scheiße aus…“

Bob schlug ihm halbherzig gegen den Arm.

„Sorry, aber ist so!“

Der kleinere nuschelte leise etwas und Skinny drehte den Kopf, um Bob ansehen zu können.

„Mhm?“

„Die Jacke war aus nem Second-Hand Laden.“

Skinny prustete erneut los und Bob fiel mit ein.

*****

Er hätte nicht sagen können, wie lange sie dort auf dem Boden gelegen hatten, bevor Skinny ein Gedanke kam.

Im Sommer bei Nacht auf noch heißem Asphalt im Mondschein zu zweit sein

Shit… So fühlte es sich also an. Verdammt schön.

„Bob?“, er tastete blind nach der Hand des anderen, während er in den Sternen nach Mut suchte. „Danke für… für alles. Die letzten Tage. Heute vor allem. Und es tut mir leid.“

Dass ich wütend geworden bin

Dass ich abgehauen bin

Dass ich das alles hier nicht kann

Bobs kleiner Finger hakte sich bei seinem ein und es war Antwort genug.

Ist okay

Kein Problem

Ich helfe dir

Skinny drehte den Kopf und sah Bob an. Und dann schloss Bob die Augen. Und dann musste Skinny endlich einmal nicht zerdenken. Er wusste, dass er Bob jetzt nur küssen musste.

Notes:

Ich weiß nicht, ob hier nach noch etwas folgt. Eigentlich bin ich sehr zufrieden mit diesem Ende, aber vielleicht fällt mir ja irgendwann noch das ein oder andere ein, was ich hinzufügen könnte. Hoffentlich hat es euch gefallen. Ich würde mich sehr über Kommentare freuen!