Chapter Text
Wir werden durch die Liebe zur Liebe gebracht, werden trunken und einsam gemacht, berauscht und hilflos. Süchtig nach der Sehnsucht, hungrig nach dem, was wirklich ist, kennen wir weder uns selbst noch das Chaos, das uns erwartet.
(Llewellyn Vaughan-Lee, Fragmente einer Liebesgeschichte)
*
Domine, Deus salutis meae, in die clamavi et nocte coram te. Intret in conspectu tuo oratio mea, inclina aurem tuam ad precem meam. Quia repleta est malis anima mea …*
Die leere Kirche widerhallte von den heftig und emotional in den Raum geschrienen lateinischen Wörtern. Sie überschlugen sich an der hohen Decke, mischten sich zu einem Donner aus Konsonanten, Vokalen und Keuchen, prasselten nieder auf leere Holzbänke und das Kruzifix, das schlicht und stumm im Altarraum stand. Der kalte Steinboden und die kahlen weissen Wände wellten das Gebet auf zu grollenden Klangwolken und schmetterten es zurück auf den Mann, der vor dem Altar tobte.
John legte die Hand auf Sherlocks Arm und hielt ihn zurück. Pater Rafe Conley liess sie beide an der Kirchentür stehen und eilte den Mittelgang entlang nach vorne.
„Stean!“ rief er. „Stean!“
Der Mann am Altar hielt ein und drehte sich um. Er war nackt. Seine Kleider lagen verstreut am Boden. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, die dunklen Haare standen in alle Richtungen ab, sein Gesicht war verzerrt.
„Lass mich allein!“ schrie er. Der leere Kirchenraum erbebte von seinem verzweifelten Schrei. Der Mann griff nach dem silbernen Kelch, der für die Eucharistie auf dem hölzernen Altartisch stand, umklammerte ihn mit eiserner Faust, das Gesicht irr vor Schmerz.
Pater Conley blieb stehen.
„Stean. Beruhige dich, Stean.“
„Nein! Ich will mich nicht beruhigen! Lass mich allein! Geh weg!“
Der Kelch verfehlte Pater Conley nur knapp, prallte auf den Steinboden und rollte unter die nächste Kirchenbank. Pater Coney wich etwas zurück, hob beide Hände zum Zeichen, dass er akzeptierte.
„Du kannst auf diese Weise nichts verändern, Stean. Versuche dich zu beruhigen. Bitte.“
„Ich will beten. Lass mich beten. Lass mich allein. Bitte.“ Die Stimme des Mannes kippte, drohte zu brechen.
„Du kannst so nicht beten, Stean“, sagte Conley ruhig. „Du bist ausser dir.“
„Ich kann beten wie ich will!“ schrie der andere zurück, voller Zorn jetzt wieder. „Gott hat mich so geschaffen, also hat er mich auch so zu akzeptieren!“ Ein Schluchzen schüttelte seinen Körper.
„Dann lass mich dir helfen. Lass uns zusammen beten“, sagte Conley mild. „Erlaubst du es mir?“
Der nackte Mann gab keine Antwort. Er atmete keuchend. Aber er liess zu, dass Conley ein paar Schritte auf ihn zuging, die zerrissene Soutane vom Boden aufhob und sie ihm um den Körper legte. Dann liess sich Pater Conley ohne weiteren Kommentar vor dem Altar auf die Knie nieder und begann ganz langsam und mit leiser und ruhiger Stimme zu beten:
"Domine, Deus salutis meae ..."
Der andere Mann sank neben ihm auf den Boden. Ein unartikulierter Laut brach aus ihm heraus.
„Domine“, keuchte er. Dann schrie er. Er schrie einfach, schrie seine Verzweiflung in den Raum. Ein langgezogener Schrei, der John die Nackenhaare sträubte.
„Exaudi me, domine! Exaudi me! Exaudi me!"**
Der Mann wurde geschüttelt von Elend und brach vor dem Altar zusammen, fiel auf sein Gesicht. Er streckte sich aus auf dem kalten Steinboden vor dem äusserst schlichten Altar, der nur aus drei Steinstufen bestand, einem hölzernen Kreuz und einem einfachen Holztisch. Er streckte Arme und Beine von sich, den nackten Körper von der zerrissenen Soutane nur notdürftig bedeckt. Er bebte in haltlosem Schluchzen.
Conley betete für ihn weiter. Ganz langsam. Wort für Wort. Worte, die der gebrochene Mann am Boden manchmal mit murmelte, manchmal jäh aufschrie, die Stimme heiser, sich überschlagend:
"Repleta est malis anima mea!"
John hatte seine Hand noch immer an Sherlocks Arm, hatte seine Finger in den Mantel gekrallt, erschrocken und eingefroren in der Heftigkeit dessen, was sich im Altarraum abspielte.
„John.“ Sherlock holte ihn aus seiner Erstarrung. „Du kannst mich wieder loslassen. Ich hab‘s kapiert.“
John hatte den ungeduldigen Detektiven zurückgehalten, ganz zuhinterst bei der Kirchentür. Hatte ihn aufgehalten, gleich nachdem sie das Gotteshaus betreten hatten und noch bevor Sherlock dem Pater hatte folgen können. Jetzt liess John den Mantel los. Sherlock strich ihn glatt.
„Ich will jetzt endlich den Tatort sehen“, sagte er.
„Lass sie zuerst den Psalm fertig beten“, erwiderte John. „So viel Respekt muss sein. Komm.“ Er zog Sherlock in die hinterste Kirchenbank.
„Wir vertrödeln hier unsere Zeit!“ reklamierte Sherlock. Immerhin flüsterte er.
„In diesem Zustand kannst du Stean Whitehead sowieso nicht befragen. Er ist völlig neben den Schuhen. Schau ihn doch an.“
Sherlock antwortete nicht. Er sass steif und kerzengerade in der unbequemen Holzbank und wippte nervös mit dem Knie. Eine automatische Funktion, wenn er unter Spannung stand. John wusste, dass Sherlock es nicht bewusst tat, aber es störte ihn trotzdem. Er legte seine Hand auf Sherlocks Knie.
„Sherlock“, sagte er nur. Es klang eher tadelnd als beruhigend. Und wenn Blicke töten könnten, dann wäre John tot aus der Kirchenbank gefallen.
Sie sassen nebeneinander und warteten. Sherlock hatte den Kragen seines Mantels hochgeschlagen und schnaubte vor Ungeduld. John versuchte den dampfenden Mann neben sich zu ignorieren und lauschte dem lateinischen Text, der den kahlen Kirchenraum ausfüllte. Wort um Wort, Phrase und Phrase. Pater Conley sprach langsam und deutlich, betonte ruhig, gab den Wörtern Inhalt. So sprechend, dass John glaubte, den lateinischen Text zu verstehen. Nicht ganz, nicht jedes einzelne Wort, aber dennoch den Sinn.
„Woher weisst du, dass es ein Psalm ist?“ fragte Sherlock unvermittelt.
John drehte den Kopf. Sherlock sass noch immer angespannt neben ihm, schien sich deutlich unwohl zu fühlen. Der Blick aus den blauen Augen streifte John nur flüchtig.
„Ich kenne den Text. Es ist Psalm 88“, sagte John.
„Man kennt einen Text nicht einfach“, knurrte Sherlock.
„Ich bin in christlicher Umgebung aufgewachsen. Nicht unbedingt in einem religiösen Elternhaus. Aber mein Schulfreund war sehr katholisch. Er schleppte mich überallhin mit. Du weisst schon. Messe und Liturgie und so. Und bei ihm zuhause wurde ständig gebetet und über die Bibel geredet. Es studierte später Theologie und ist heute Priester.“
„Dein Schulfreund.“
„Ja.“
„Du hast nie von ihm erzählt.“
„Nein. Es gab bisher keinen Grund dazu.“
„Siehst du ihn noch?“
John drehte den Kopf. Sherlock starrte unbewegt nach vorne zum Altarraum, wo es jetzt ruhiger war. Nur noch das verhaltene Weinen des Mannes war zu hören und das tröstende Flüstern von Pater Conley. John holte tief Luft. Er kannte Sherlock lange und gut genug. Wenn er so konzentriert wegsah, betraf ihn das Thema persönlich, kam er damit nicht zurecht.
„Ich sehe ihn hin und wieder“, antwortete John wahrheitsgemäss. Und er fügte an, versöhnlich: „Kein Grund zur Eifersucht, Sherlock“.
Ein vernichtender Blitz aus wasserhellen Augen traf ihn.
„Wir haben es mit Mord an einem Priester zu tun“, sagte Sherlock eisig. „Dein Freund könnte nützlich sein. Das ist alles.“
„Ja, natürlich.“
John beschloss, nicht weiter darauf einzugehen. Sherlock reagierte noch ungehaltener und eifersüchtiger, seit sie miteinander geschlafen hatten. Das war noch nicht lange her, war vielleicht noch zu neu. Es war chaotisch gewesen, hatte Unsicherheit hinterlassen bei ihnen beiden.
„Lass mich raus.“ Sherlock drängte und John erhob sich, machte seinem Freund den Weg frei aus der Kirchenbank in den Mittelgang.
Pater Conley hatte dem verzweifelten Priester die Soutane übergeworfen und führte ihn in die Sakristei, den einen Arm um den Mann gelegt, im anderen die aufgesammelten Kleidungsstücke.
Sherlock ging zügig nach vorne. Links neben dem Altarraum war der Durchgang zur Kapelle, ein schmaler Bogengang von rund fünf Metern Länge, weiss getüncht wie alles hier, eng und gerade so hoch, dass ein Mann bequem hindurch gehen konnte. Ein rotweisses Plastikband versperrte den Eingang zur Kapelle. Sherlock stieg ohne Zögern über die Absperrung. John folgte ihm.
Der Andachtsraum war klein und hell und roch schwach nach kaltem Weihrauch. Weiss getünchte Wände auch hier. Durch ein hochgelegenes Fensterband fiel grosszügig Tageslicht ein. Es gab nur eine einzige Gebetsbank in der Mitte des Raumes, auf der sich knien, aber nicht sitzen liess. Direkt bei der Bank war, mit Kreide auf dem Steinboden, der grobe Umriss eines liegenden Körpers eingezeichnet. Auf Brusthöhe eine Blutlache. Laut Obduktionsbericht war das Opfer erstochen worden. Von hinten, mit einem einzigen, aussergewöhnlich tiefen Stich, der direkt ins Herz gegangen war. Wahrscheinlich während das Opfer hier kniete und betete. So jedenfalls sah die Kreideform am Boden aus. Als sei das Opfer von der Kniebank seitwärts auf den Boden gerutscht.
John schaute sich um. Der Altarraum war auch hier äusserst schlicht und schmucklos. Dieselben drei Steinstufen wie in der Hauptkirche. Links stand eine flache schwarze Schale am Boden, gefüllt mit weissem Sand, in dem mehrere Kerzen steckten. Eine einzige Ikone hing an der Wand. Sie zeigte zwei junge Männer in römischem Kriegsgewand. Sie standen nebeneinander und schauten dem Betrachter ruhig und entschlossen entgegen. Sie standen so nahe zusammen, dass ihre Heiligenscheine sich überschnitten. Der eine hielt einen Speer, der andere stützte sich auf ein Schwert. Zwischen den Falten ihrer Gewänder hielten sie sich an den Händen. John starrte überrascht auf das Bild, auf die Hände der beiden Heiligen, die sich fest und selbstverständlich umschlossen. Es war ein modernes Bild. Zwar im Stile alter Ikonen gehalten, aber farbig und plakativ, die beiden Heiligen deutlich erkennbar als Männer von heute. Unter dem Bild stand „St. Sergius und St. Bacchus“.
„Sherlock?“
Sherlock, der am Boden herumkroch und nach Spuren suchte, schaute auf.
„Hast du das gesehen?“ John zeigte auf das Altarbild.
„Sergius und Bacchus“, sagte Sherlock ungerührt. „Sie sind angeschrieben. Irgendwelche Heiligen, denen die Kapelle gewidmet ist. Warum?“
„Sie halten sich an den Händen.“
„Ja, und?“
„Es ist ungewöhnlich.“
Sherlock antwortete nicht. Es schien ihn nicht annähernd so zu interessieren wie das, was er gerade gefunden hatte. Er tastete unter die Kirchenbank, klaubte etwas hervor. Es war ein Steinchen. Sherlock drehte und betrachtete es.
„Lehm“, sagte er.
„Das kann irgendjemand mit den Schuhen hereingetragen haben“, sagte John.
„Genau.“
„Vielleicht sogar die Leute vom Yard.“
„Vielleicht. Aber unwahrscheinlich. Lestrades Leute sind zwar ungeheuerlich dumm, aber sie geben sich zumindest Mühe, einen Tatort nicht zusätzlich zu kontaminieren. Die Kapelle wird blitzsauber gehalten. Wir können davon ausgehen, dass es hier auch zum Zeitpunkt des Mordes blitzsauber war. Draussen gibt es weit und breit keinen Lehm.“ Sherlock zog ein Plastikbeutelchen aus der Manteltasche und liess das Steinchen mit den Lehmkrümeln hineingleiten. „Lass uns nachher noch einmal in die Pathologie gehen, John. Ich muss wissen, ob es an der Leiche irgendwelche Spuren von Lehm gibt. Zuerst aber zu Stean Whitehead. Ich hoffe, er ist unterdessen ansprechbar.“
***
John stellte die Tüte mit dem Essen, das er beim Thai um die Ecke geholt hatte, auf die Küchenablage, schälte die Kunststoffbehälter aus dem Beutel. Eigentlich hatte er kochen wollen, aber wenn Sherlock derart verbissen hinter einem Fall sass, dann war es sinnlos, Zeit in gutes Essen zu investieren. Sherlock merkte sowieso nicht, was er ass. Und das Thai-Curry war okay. John ging damit ins Wohnzimmer.
„Danke“, sagte Sherlock abwesend, als John das Essen neben ihn auf den Tisch stellte.
John stutzte. Sherlock hatte sich bedankt? Sherlock schaute nicht vom Bildschirm auf, liess sich nicht ablenken. Aber er hatte sich bedankt. Hatte offensichtlich festgestellt, dass John ihm Essen gebracht hatte. Das war neu. Auch, dass Sherlock nach ein paar Sekunden seine Recherche unterbrach, nach dem Kunststoffgeschirr griff und ass. Nicht viel. Aber er schob sich ein paar Gabeln voll in den Mund und ass mit sichtlichem Appetit. Es hatte sich doch etwas verändert. John konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
Sherlock drehte sich zu ihm um und sagte, während er kaute und mit der weissen Plastikgabel auf den Bildschirm tippte, auf das vergrösserte Bild des Einstichlochs am Rücken der Leiche:
„Du bist doch Arzt, John. Kann man so genau in den Rücken stechen, zwischen den Rippen hindurch direkt ins Herz? Ich meine: es ist EIN Stich. Ein einziger Stich. Und er ist so tief, dass es kein herkömmliches Messer gewesen sein kann.“
„Ein Bajonett. Oder ein Säbel vielleicht. Ein kleines Schwert. Der Stich ist so präzise und glatt, dass es ein scharfer, hochwertiger Stahl gewesen sein muss.“ John setzte sich mit seinem Essen aufs Sofa. Das Curry schmeckte scharf und angenehm würzig. John war hungrig.
„Trotzdem braucht es Kraft, nicht wahr, einem Menschen eine Stahlklinge durch den Oberkörper zu treiben. Ganz abgesehen von der Präzision. Zwischen zwei Rippen hindurch direkt ins Herz. Da muss alles genau stimmen: Die Einstichstelle, der Winkel der Klinge und des Stiches, die Länge der Waffe, die angewandte Kraft. Ein Herz ist nicht gross, liegt nicht immer gleich und bewegt sich ständig. Es ist doch praktisch unmöglich, es so präzise zu treffen.“
„Es gibt keinerlei Kampfspuren. Das Opfer hat sich ganz offensichtlich nicht gewehrt“, sagte John.
„Nein, das hat es offensichtlich nicht. Es hat sich ohne Gegenwehr abstechen lassen.“
„Oder hinrichten.“ John erschauderte. Das war unheimlich. Irgendwie unheimlich.
Molly hatte es ihnen gezeigt: In der Wunde kein Fädchen Textil. Der Stich war absolut rein. Der Täter hatte dem Opfer vor dem tödlichen Stich das T-Shirt aufgeschnitten am Rücken. Ein grosser, klarer Schnitt mit einer scharfen Klinge. Kein einziger Kratzer auf der Haut. Er hatte es sorgsam getan. Sorgsam. Das hatte diese Konnotation von liebevoll. Zärtlich. Aufmerksam. Wenn der Täter dann auf der nackten Haut seine Waffe angesetzt hatte, vielleicht zuvor die Rippen ertastet mit seinen Fingern auf der heissen Haut des betenden Mannes, die Zwischenräume der Rippen ertastet, den Winkel, das Herz …
„Ein Ritualmord?“ fragte John. Seine Stimme klang heiser. Seine eigenen Gedankengänge verwirrten ihn.
„Ich weiss es nicht, John. Es ist ziemlich …“ Sherlock suchte nach dem richtigen Wort. Sein Blick blieb in Johns Augen hängen. „… interessant.“
-----
Anmerkungen der Autorin:
*Herr, Gott meines Heils, zu dir schreie ich Tag und Nacht. Lass mein Gebet zu dir durchdringen, wende dich meinem Flehen zu. Denn meine Seele ist voll von Elend (Psalm 88, frei übersetzt)
** Höre mich!
